Aktuelles

Unsere Schule im aktuellen didacta-Magazin

14.09.2017

didacta - Das Magazin für lebenslanges Lernen widmet sich in der aktuellen Ausgabe dem Titelhema Schulnoten. Mit dabei ist eine Reportage über das Lernen und die Leistungsbeurteilung an der Freien Montessori Schule Berlin. Wir dürfen den Artikel hier ebenfalls veröffentlichen:

Worte statt Ziffern

An der Freien Montessori Schule Berlin gibt es keine Noten. Stattdessen ausführliches Feedback. Das letzte Wort hat dabei der Schüler.

Text: Jana Pajonk

Es ist ein sonniger Donnerstagvormittag in Wendenschloß am südöstlichen Berliner Stadtrand. Ein knappes Dutzend Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 11 bis 13 fläzen auf Sesseln und Stühlen vor einem großen Bildschirm. Es läuft ein Blockbuster. Im Raum nebenan sitzen Jugendliche im gleichen Alter an einem großen sechseckigen Tisch. Einige sind in Bücher vertieft. In der Ecke stehen Bücherregale und ein Flipchart, das mathematische Formeln zeigt. Ein Mädchen spricht mit einer dunkelblonden Frau. Mit Uta Vogt. Sie leitet diese ungewöhnliche Oberstufe. Die Studienrätin für Deutsch und Englisch ist Lernbegleiterin an der Freien Montessori Schule Berlin. Vor acht Jahren tauschte sie ihren Arbeitsplatz vorn an der Tafel gegen eine Stelle an der Seite der Schülerinnen und Schüler. „Der enorme Druck, dem man an einem Gymnasium ausgesetzt ist und den man weitergeben soll, kann kein Geld der Welt ausgleichen“, erklärt sie. Seither verzichtet sie nicht nur auf einen Teil des üblichen Gehalts für Studienrätinnen, sondern auch auf die Vergabe von Noten. Denn die gibt es hier nur für die Abschlussprüfungen. 

Selbstbestimmt lernen 

An der Freien Montessori Schule Berlin bestimmen Kinder und Jugendliche von der 1. Klasse an weitgehend selbst, was sie wann und wie lernen. Speziell aus- und weitergebildete Pädagogen stehen ihnen dabei zur Seite. Klar strukturierte Regale mit Lernmaterial, unterschiedliche Lernorte wie Klassenraum, Flur, Garten, Exkursionen in Wald und Stadt sowie Einführungen und Kurse bieten ständig neue Erfahrungen an. Damit niemand vom Lehrplan abkommt, gibt es regelmäßig Planungsgespräche, in denen die Schüler in Absprache mit einem Bezugspädagogen ihre nächsten Lernziele festlegen. Mit Tages-, Wochen- und Monatsplänen lernen schon die Kleinsten, sich selbst zu strukturieren. In den altersgemischten Lerngruppen sind immer drei Jahrgänge zusammen. Wer lieber alleine lernt, darf das genauso tun wie die, die am liebsten alles mit der besten Freundin machen. Man hilft sich, die Großen den Kleinen, die Schnelleren den Langsameren.

Ein Schüler ist dann gut, wenn er im Lernen weiterkommt, verglichen mit sich selbst.

An der Schule liegt ein anderer Begriff von Leistung zugrunde: Leistung bedeutet hier persönliche Weiterentwicklung. Ein Schüler ist dann gut, wenn er im Lernen weiterkommt, verglichen mit sich selbst. Tests und Klausuren schreiben die Schüler der Freien Montessori Schule Berlin freiwillig, auf Wunsch. „Unsere Schülerinnen und Schüler kommen, sofern sie keine Quereinsteiger sind, erst in der 9. Klasse in Kontakt mit dem sonst üblichen Bewertungssystem. Bis dahin erhalten sie ein differenziertes Feedback zu dem, was sie tun und lernen, bei dem ihre Stärken gestärkt und an den Schwächen gearbeitet wird“, erklärt Vogt.

Differenziertes Feedback

Schaut man sich in der Forschung zum Thema Feedback um, stößt man auf drei Arten von Feedback: Produktfeedback, Prozessfeedback und Selbststeuerung. Während Ziffernnoten das Gesamtergebnis zurückmelden, also Produktfeedback geben, lenkt eine Feedbackkultur wie die an der Freien Montessori Schule Berlin den Blick auf den individuellen Lernweg, indem sie danach fragt: Wie habe ich gearbeitet? (Prozess) und Was kann ich verändern? (Selbststeuerung).

„Wir sind davon überzeugt, dass die Potenziale für eine fachliche, soziale und methodische Weiterentwicklung unserer Schülerinnen und Schüler im Prozess und in der Selbststeuerung stecken“, erklärt Johanna Fehrer, Leiterin einer Lerngruppe der Klassen 4, 5 und 6 an der Montessori-Schule. Wenn eine Schülerin einen Vortrag über ein selbstgewähltes Thema hält, geben auch die Mitschüler Feedback. „Es ist spannend zu sehen, wie schnell die Kinder das übernehmen, was wir ihnen vorleben“, schwärmt die Grundschulpädagogin. „Sie gehen sehr wertschätzend und respektvoll miteinander um und haben gelernt, nicht an jeden Menschen dieselben Maßstäbe anzusetzen. Wenn ein Mädchen mit geistiger Behinderung einen Vortrag hält, loben sie sie für ganz andere Dinge als sie das bei anderen machen würden.“ 

Am Ende eines jeden Halbjahres gibt es die sogenannten Zeugnisgespräche. Ein Schüler, seine Eltern und ein Bezugspädagoge besprechen hier die zurückliegenden Monate. Es geht um die Arbeitsweise, soziale Kompetenzen und die konkreten Lerninhalte. Das Gespräch beginnt mit der Selbsteinschätzung des Schülers. Erst dann äußert sich der Pädagoge und auch die Eltern sind eingeladen, mitzuteilen, wie sie ihr Kind erlebt haben. Das letzte Wort hat das Kind. Denn zu einem guten Feedback gehöre immer auch der Freiraum, es anzunehmen oder abzulehnen, ist Fehrer überzeugt. „Nicht alles, was ein Lehrer denkt, ist auch richtig“, sagt sie, „ich habe in den letzten Jahren gelernt, viel vorsichtiger zu werden, nicht vorschnell zu urteilen und genau hinzusehen, was und wie ein Kind ist. Und das ist doch eigentlich mein Job als Lehrerin, oder?“ 

Offenheit, Wertschätzung und Vertrauen

Sich gesehen zu fühlen, gibt den Kindern Selbstvertrauen. Wertschätzung und Offenheit schaffen Vertrauen zwischen Lehrer und Schüler – die Basis jeder guten Beziehung. „Wenn die Schüler mir vertrauen, nehmen sie mein Feedback viel leichter an“, erklärt Uta Vogt. Vertrauen ist auch unter den Schülern verbreitet. Dadurch, dass niemand in Notenkategorien steckt, gibt es kaum Konkurrenz untereinander. „Sie kennen sich gut und wissen genau, wer wo steht und wer was kann“, berichtet die Studienrätin. „Und das führt dazu, dass man sich eher gegenseitig hilft als sich miteinander zu vergleichen.“  

Der Fehler ist mein Freund 

Voller Selbstvertrauen wirkt Caro, Schülerin der Abiturstufe. Sie kam in der 10. Klasse an die Freie Montessori Schule Berlin, zuvor besuchte sie ein Gymnasium, doch der Druck trieb sie fort. „Es war sehr schwer, am Gymnasium eine Note zu verbessern“, erzählt die angehende Abiturientin. „Man steckt bei den meisten Lehrern in einer Kategorie fest. Und weil mündliche Noten so viel zählen, kommt man da kaum raus. Nach und nach entwickelt sich dann so ein unangenehmes Egal-Gefühl.“ Hier schätzt sie die entspannte Arbeitsatmosphäre, das persönliche Feedback und die Freiheit. „Ich kann an dem arbeiten, was für mich wichtig ist“, erklärt die 19-Jährige. „Alle hier sind motiviert, sie machen Abitur, weil sie das selbst so wollen.“ 

Auf Wunsch vergibt Uta Vogt bei den Übungsklausuren der Oberstufenschüler auch eine Note. Wie Caro diese Note empfindet? „Hier ist die Note eine Motivation“, sagt sie. „Eine 3 oder eine 4 sorgt nicht mehr dafür, dass ich mich schlecht fühle. Sie sagt mir, dass ich etwas verbessern kann.“ Was genau, das steht im ausführlichen schriftlichen Feedback.  

Quelle: didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 3/2017, S. 12-13, www.didacta-magazin.de

 

 

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